Was ein französisches Bahnschild mit unserem Lernen zu tun hat
In den Sommerferien stehen wir in Frankreich an einem Bahnübergang. Auf einem Schild lese ich:
«Un train peut en cacher un autre.»
Im ersten Moment muss ich überlegen, was dieser Satz überhaupt bedeutet. Nicht weil ich ihn nicht übersetzen kann – vielmehr bleibe ich am Sinn hängen. Wer verdeckt hier eigentlich wen? Und wo liegt am Ende die Gefahr?
Plötzlich muss ich an die Schule denken.
In den letzten Jahren veränderte sich unser Bildungssystem stark. Individualisierung, Projektunterricht, digitale Medien und inzwischen auch künstliche Intelligenz bereichern den Unterricht auf vielfältige Weise. Vieles davon ist sinnvoll und zeitgemäss. Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob uns dabei etwas Ähnliches passiert wie an diesem Bahnübergang. Ob uns bei all den neuen Möglichkeiten nicht manchmal etwas Wichtiges aus dem Blick gerät.
Und plötzlich bin ich gedanklich wieder im Klassenzimmer von anno dazumal. Wir singen «Mein Hut, der hat drei Ecken» – natürlich mit den passenden Bewegungen. Ich sehe wieder die blau oder rot eingefassten kleinen Tafeln. Achterreihe, rauf, runter, dann nochmals quer. Tafel reinigen. Nächste Reihe. Dann im Gleichtakt: Je suis, tu es, il est… nächstes Verb… immer und immer wieder. Tag für Tag. Woche für Woche. Viele Wiederholungen. Manchmal monoton. Je nach Lehrperson mit dem Superspassfaktor.
Und ja, viel Grundlagen- und Faktenwissen ist bis heute irgendwo in meinem Kopf gespeichert. Es braucht nur ab und zu einen kleinen Anstoss, und mein Gehirn holt es wieder hervor. Als müsste lediglich eine dünne Staubschicht weggeblasen werden.
In diesem Moment muss ich an die vielen Diskussionen denken, die heute rund ums Lernen geführt werden. Auswendiglernen gilt oft als überholt. Wiederholen wirkt altmodisch. Viel wichtiger seien Verstehen, Kompetenzen und Transfer. Und doch bestätigt uns die Hirnforschung heute vieles von dem, was früher selbstverständlich zum Unterricht gehört. Unser Gehirn braucht Wiederholung. Es braucht Routinen. Es braucht Grundlagen, die so sicher werden, dass sie ohne bewusstes Nachdenken verfügbar sind.
«Un train peut en cacher un autre.» Ein Zug kann einen anderen verdecken. Vielleicht gilt das manchmal auch für unser Lernen. Neue Ideen bereichern unseren Unterricht. Gleichzeitig lohnt es sich, den Blick immer wieder auf das zu richten, was im Schatten des Neuen leicht vergessen geht. Denn manches hat sich nicht ohne Grund über Generationen bewährt. Vielleicht besteht die eigentliche Kunst nicht darin, sich zwischen Alt und Neu zu entscheiden – sondern das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden.
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